Deportation nach Sennoje · Oktober 1941
Emma Iwanowna Kröker war 17. Ihre Mutter Emma Gottliebowna — 64. Die Deportation traf sie, weil sie Deutsche waren.
Was geschah
Am 28. August 1941 erklärte ein Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR alle Wolgadeutschen zu „Diversanten und Spionen". Die Anwendung wurde rasch auf die Deutschen im gesamten europäischen Teil des Landes ausgedehnt — Ukraine, Krim, Kaukasus, Leningrader Gebiet.
Im Oktober 1941 wurden aus dem Dorf Peski (Bezirk Dwurіtschanskyj, Gebiet Charkow) Emma Iwanowna Kröker (Jahrgang 1924) zusammen mit ihrer Mutter Emma Gottliebowna (geb. Schulz, Jahrgang 1877) deportiert. Sie wurden in das Dorf Sennoje (Bezirk Sowjetski, Gebiet Nordkasachstan) gebracht — rund 3 000 km von ihrem Zuhause entfernt.
Die bolschewistischen Behörden siedelten uns zwangsweise um... Hungersnot 1932–1933: täglich starben 3–4 Menschen, es gab kein Brot, weggehen war verboten.Aus der eigenhändig verfassten Autobiografie von Lydia Dreger, Schwester von Emma Iwanowna, EWZ-Akte 1944Was zurückblieb
In Peski lebten Großmutter und Urgroßmutter noch nicht lange — auch dorthin waren sie um 1935 zwangsumgesiedelt worden, aus Rischtschelowka in Wolhynien. Die Hungersnot 1932–1933 hatten sie bereits überstanden. Bis 1941 hatten sie ein eingerichtetes Leben: Arbeit, Haus, Gemeinde.
Im Oktober, als die Wehrmacht das Dorf erreichte, beschloss die sowjetische Regierung — die ethnischen Deutschen aus der frontnahen Zone nach Kasachstan und Sibirien zu verschicken. Zeit zum Packen blieb wenig: persönliche Sachen, Kleidung, was man tragen konnte. Haus, Vieh, Habe blieben zurück.
Wer befreit wurde, wer in der Sondersiedlung blieb
Die Familie hatte ein anderes Schicksal als viele andere. Die Schwester von Emma Iwanowna — Lydia — wurde am 30. September 1941 bereits zum Bahnhof gebracht. Wehrmachtssoldaten befreiten sie, und Lydia konnte mit ihrem Sohn Leo nach Hause zurückkehren und später mit den abziehenden deutschen Truppen nach Westen ziehen. Im April 1944 erhielt sie im Lager Hermannsbad die deutsche Staatsangehörigkeit. Ihr Mann Edmund Dreger, am 6. September 1941 deportiert, blieb spurlos verschwunden.
Emma Iwanowna und ihre Mutter hatte niemand zu befreien. Sie blieben in der Sondersiedlung in Sennoje — pflichtgemäß bei der Kommandantur registriert, ohne Recht auf Abreise, ohne Pass. Dies dauerte bis zum 16. Dezember 1955 — vierzehn Jahre.
Ich wurde in Schilesna geboren, wuchs in Wolhynien auf, in Rischtschelowka. Als ich 7 war, starb mein Vater. In der Schule lernte ich nur 3 Jahre.Lydia Dreger (Kröker), EWZ-Akte Nr. 906 134, Bild 1344Leben in Sennoje
Emma Iwanowna fand Arbeit als Melkerin in der Kolchose „Kolos" — diese Tatsache ist im Geburtsregistereintrag ihres Sohnes (1950) festgehalten. Am 8. April 1950 wird in Sennoje ihr Sohn Wladimir geboren. In der Spalte „Vater" wird auf Mutterangabe nur ein Name eingetragen — „Wassilij". Der besondere Vermerk im Eintrag: „alleinerziehende Mutter".
Im Jahr 1952 heiratet Emma Iwanowna Nikolai Maximowitsch Usachew (Jahrgang 1923). Einige Jahre später adoptiert er Wladimir — der Junge erhält den Namen und Vatersnamen des Stiefvaters. So wird aus „Kröker Wladimir" der „Usachew Wladimir Nikolajewitsch".
Epilog
Am 16. Dezember 1955 wurde Emma Iwanowna aus dem Sondersiedlungsregister entlassen. Sie lebte in Dubowskoje (Gebiet Rostow) und starb am 2. Mai 1987, im Alter von 62 Jahren. Posthume Rehabilitierung 1993 durch Beschluss der Republik Kasachstan.
Ihr Enkel Eugen Usachew, geboren 1979 in Schachty, zog 2019 nach Berlin und nahm die deutsche Form seines Namens an — Eugen Usachew. So schloss sich der Kreis: die 1941 zwangsweise nach Osten deportierte Familie kehrte 78 Jahre später nach Westen zurück. Auf der Karte — eine Strecke von rund 6 000 Kilometern.
Quellen
Dokumente: EWZ-Akte Nr. 906 134 (Lydia Dreger, Bundesarchiv Berlin), MHSBC-Kanada-Film B019 Bilder 1340–1353 (erhalten 22.04.2026); Geburtsregistereintrag Nr. 13 vom 14.04.1950 (Sennoje, Standesamt); Auskunft der NAO „Regierung für Bürger" für die Region Nordkasachstan, Aktenzeichen ŽT-2026-01503067 vom 16.04.2026.
Verknüpft auf der Website: Peski (Wolhynien) · Sennoje (Kasachstan) · Vollständige Familiengeschichte · Zeitleiste 1820–2026